Die Bankenwelt wird virtuell: Neue Geschäftsfelder

Die Bankenwelt wird virtuell: Neue Geschäftsfelder

Dezember 2019 – Saubere Sache: Das gerade verabschiedete Gesetz zur Umsetzung der neuen EU-Geldwäscherichtlinie erlaubt es Banken ab 2020, Kryptowährungen wie Bitcoin zu handeln und zu verwahren. Das bedeutet einen Meilenstein für Finanzinstitute und ihre Kundinnen und Kunden, lässt aber zugleich einige Fragen offen. 

Kommen wir zunächst zu den Vorteilen:

Wenn es ab 2020 möglich wird, über die Bank Kryptowährungen zu kaufen, zu halten und zu verwahren, werden Bitcoin & Co. mit hoher Wahrscheinlichkeit im Mainstream ankommen. Denn dann können Anlegerinnen und Anleger einsteigen, die sich für Kryptowährungen interessieren, vom Procedere über die Börsen oder auch von der Berichterstattung über Hacker jedoch abgeschreckt sind. Denn die Institution Bank wird gerade bei konservativen Menschen mit Sicherheit assoziiert. Und generell fühlen Nutzerinnen und Nutzer sich bei einer Oberfläche,  die sie bereits kennen – beispielsweise vom Online-Banking – wohler, gerade wenn sie technisch nicht so bewandert sind. 

Ein neues Geschäftsmodell für die Banken

Grund zur Freude gibt es prinzipiell auch bei den Banken, denn sie wiederum können von einem neuen Geschäftsfeld profitieren. Wie die konkrete Umsetzung aussehen wird – werden Konto und Depot einfach durch eine Wallet ergänzt? Wird neben den Geldautomaten im Vorraum der Filiale ein Bitcoin-Automat stehen? – ist noch unklar. 

Wenn die Banken denn einsteigen. Das lässt sich jetzt natürlich schlecht vorhersagen. Vom Bauchgefühl traut man das einer Neobank wie N26 oder einer Direktbank wie Comdirect eher zu als der Postbank. Aber das wird sich zeigen.

Ein wichtiger Punkt bei dem Gesetz ist übrigens der Punkt „Verwahrung“. Und der ist tatsächlich eine kleine Überraschung. Denn im Entwurf war noch ein so genanntes „Trennungsgebot“ vorhanden, das normale regulierte Bankgeschäften und Kryptogeschäfte streng separiert. Demnach hätten die Banken wohl den Handel aufnehmen dürfen, für die zwangsläufig damit verbundene Verwahrung jedoch auf externe Dienstleister zurückgreifen müssen oder entsprechende Tochterfirmen gründen müssen. Dieser Schritt ist nun dank des Drängens des Finanzausschusses, der sich für das Streichen des Trennungsgebots eingesetzt hat, obsolet.

Lizenzpflicht auch für bereits aktive Verwahrstellen

Um in das neue Geschäftsmodell mit Handel und Verwahrung von Kryptowährungen einsteigen zu können, ist eine Lizenz erforderlich, die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erteilt wird. Im Moment funktioniert das nur über Interessenbekundungen; Anträge kann die BaFin erst entgegennehmen, wenn das Gesetz in Kraft ist. Also ab Januar 2020. 

Das gilt dann allerdings auch für alle Unternehmen, die virtuelle Zugangsschlüssel für Investoren verwalten und damit auch für die bereits existierenden Börsen und Plattformen wie Kraken oder Binance, deren Geschäftsmodell ja genau darauf fußt. Sie müssen bis zum 1. Februar 2020 schriftlich anzeigen, dass sie eine Genehmigung beantragen und das bis zum 30. Juni 2020 erledigen.

Und damit nicht genug: Um zum Handel in Deutschland weiterhin zugelassen zu sein, benötigen sie eine Zweigstelle in Deutschland mit mindestens zwei Geschäftsleitern, die „fachlich geeignet und zuverlässig sein müssen“, so die Bedingungen in den Unterlagen zur Zulassung von Banken und Finanzdienstleistern sowie von Zahlungs- und E-Geldinstituten auf der Website der BaFin.

Da drängt sich die Frage auf: Werden Kraken, Binance & Co. diesen komplizierten Weg überhaupt gehen? Wie hoch ist wohl der Anteil an deutschen Kundinnen und Kunden, so dass der Aufwand sich dann auch lohnt? Wenn sie keine Lizenz beantragen, was passiert dann mit der deutschen Kundschaft? Oder werden neue Kooperationsmodelle entstehen, bei denen man mit lizenzierten Verwahrern arbeitet? Hier stehen noch einige Fragezeichen im Raum.

Kryptoszene und Verbraucherschutz melden Kritik an

Doch wie jede echte Medaille hat auch ein virtueller Coin eine Kehrseite. Ausgewiesene Kryptofans sehen die Entwicklung nämlich kritisch. Denn: Immerhin wurde Bitcoin als Gegenmodell zu den klassischen Währungen entwickelt, nachdem das Vertrauen in die Banken durch die Finanzkrise 2008 nachhaltig erschüttert wurde. Das Peer2Peer-System und die daraus resultierende Unabhängigkeit von Banken und Ländern machen die Kryptowährungen ja gerade aus und greifen die klassischen Geldinstitute und –transaktionen im Grunde an. „Geil. Dann kann ich meine BTC bei den Jungs parken, die durch Bitcoin überflüssig werden sollten?“ schreibt so dann auch ein User im Forum von bitcointalk.org. Zumal zu bedenken ist, dass Wallets bei einer Bank unzweifelhaft einer Personen – nämlich dem/der KontoinhaberIn – zugeordnet werden kann. Klar – nicht umsonst geht es hier um eine Geldwäscherichtlinie. Unkritisch hingenommen wird das dennoch nicht.

In der Kryptogemeinde wird außerdem bezweifelt, ob die Banken in der Lage sind, die erforderliche Infrastruktur in der Kürze der Zeit aufzubauen. Ein weiterer Punkt: Woher beziehen die Banken überhaupt die Kryptowährungen? Von (aus oben genannten Lizensierungsgründen dann möglicherweise) unregulierten Börsen?  Auch die Sicherheit der Banken als Verwahrort wird in Frage gestellt. Und: Was passiert mit den Kryptowährungen beim Banken- oder Währungscrash? 

Kritik bringt auch der Verbraucherschutz an. Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, äußert gegenüber dem Handelsblatt Zweifel am Vertrieb durch die Finanzinstitute: „Grundsätzlich verkaufen Banken die unterschiedlichsten Finanzprodukte, wenn die Provision stimmt. Wenn es ihnen ermöglicht wird, Kryptowährungen zu verkaufen und kostenpflichtig zu verwahren, besteht das Risiko, dass sie ihren Kunden Assets mit Totalverlustrisiko andrehen, ohne dass diese wissen, worauf sie sich einlassen.“

Fazit

Die neue Regelung bedeutet für uns in der Finanzdienstleistung einen großen Schritt nach vorne. Denn gerade im Bereich Wallets und Zahlung tauchen in unseren Gesprächen zu STOs häufig Fragen auf. Solche Zusammenhänge sind für Anlegerinnen und Anleger aus der traditionellen Investmentwelt häufig noch zu abstrakt. Spannend wird es jetzt zu sehen, welche Banken sich um eine Lizenz zur Verwahrung bemühen werden und wie die bereits etablierten Wallet-Anbieter, die für ihre Kundinnen und Kunden Keys für Kryptowerte speichern oder verwahren, damit umgehen werden. 

Wenn die Banken das Potenzial erkennen und wahrnehmen, wird das unserer Meinung nach große Auswirkungen auf die Akzeptanz von Kryptoassets haben. Bleibt die Hoffnung, dass die ersten düsteren Szenarien, die sich jetzt schon im Netz finden, nicht wahr werden. Denn sie munkeln, dass durch diese Art der Regulierung letztlich das ganze Kryptobusiness nur noch unter dem Dach von Banken laufen soll. Das wäre – bei allem Respekt für das Tempo und das Engagement der Bundesregierung in Sachen Kryptowerte – fatal.