Vertrieb von digitalen Investmentprodukten – braucht es zukünftig keine persönliche Beratung mehr?

Gastbeitrag von Rechtsanwalt Lutz Auffenberg, LL.M. 

Mai 2020 – Seit die BaFin Anfang des Jahres 2019 den ersten Wertpapierprospekt für ein blockchain-basiertes Wertpapier gebilligt hat, interessieren sich mehr und mehr mittelständische Unternehmen für ein Security Token Offering. Dieser Begriff bezeichnet das erste öffentliche Angebot von Wertpapieren am Kapitalmarkt, die über einen Smart Contract vollständig digital auf einer dafür geeigneten Blockchain – wie etwa Ethereum, Stellar oder NEO – in Form von Blockchain-Token ausgegeben werden. Security Token kommen ohne Papierurkunde und deshalb auch ohne Depotbank aus. Die Token können von den Anlegern direkt und unmittelbar selbst gehalten und verwahrt werden oder wahlweise in die Obhut eines auf die Tokenverwahrung spezialisierten Dienstleisters gegeben werden. Auch die Übertragung der Token im Zweitmarkt funktioniert im Gegensatz zu traditionell verbrieften Produkten direkt, da ein Transaktionsabwickler oder sonstiger Intermediär nicht zwangsläufig einbezogen werden muss. Tokenisierte Wertpapiere bringen das Investment damit näher an den Investor heran und eröffnen zudem die Möglichkeit einer erheblichen Kostenreduktion durch Aussparung traditionell benötigter Dienstleister. Aber was bedeutet das für den Vertrieb; läutet das Zeitalter der Tokenisierung der Finanzprodukte das Ende des persönlichen Vermittlungsgesprächs ein?

Persönlicher Kontakt zwischen Vermittler und Anleger ist und bleibt Vertrauensverhältnis

Es liegt auf der Hand, dass tokenisierte Finanzprodukte von den Emittenten oder von ihnen beauftragten Emissionsplattformen regelmäßig über einen Online-Zeichnungsprozess angeboten werden. Gerade für private Investoren aus den internet-affinen Generationen ist diese Möglichkeit besonders interessant und wird natürlich gerne genutzt. Doch nicht alle potenziellen Anlegergruppen gehören den Generationen der „Digital Natives“ an. Sowohl für Privatanleger fortgeschritteneren Alters sowie und gerade institutionelle Anleger benötigen nach wie vor den persönlichen Kontakt zu einem Finanzanlagenvermittler, dem sie vertrauen und der ihnen eine von ihm für gut befundene Vorauswahl an interessanten Anlagechancen anbieten kann. Für den Erfolg von Kapitalmarktemissionen ist eine gewisse Breite des Zielmarkts von entscheidender Bedeutung. Insoweit ändert sich für den Vertrieb durch die zunehmende Tokenisierung im Markt der Kapitalanlegen nicht viel.

Vermögensanlagen werden durch die Tokenisierung auf ein neues Level gehoben

Ganz im Gegenteil eröffnet die Tokenisierung Vertrieblern zahlreiche neue Geschäftsfelder. So bringt sie gerade im Bereich der Vermögenslagen, also derjenigen Anlageprodukte, die nicht wie Wertpapiere fungibel, sondern nur eingeschränkt am Kapitalmarkt handelbar sind, völlig neue Anlegergruppen in den Kreis der potenziellen Zeichner. Bislang waren Vermögensanlagen wie KG-Anteile, Direktinvestments oder unverbriefte Nachrangdarlehen stets nur für Privatanleger interessant, weil sie als reine Vertragsverhältnisse zwischen Emittent und Anleger keine verwahrfähigen Anlageobjekte darstellten. Für Pensionskassen, Versorgungswerke oder Investmentfonds, die zwingend darauf angewiesen sind, dass ihr Wirtschaftsprüfer den Anlagebestand prüfen und bestätigen kann, waren Vermögensanlagen deshalb nie geeignete Anlagevehikel. Das ändert sich mit der Tokenisierung grundlegend. Denn tokenisierte Vermögensanlagen sind als digitale Vermögenspositionen von externen Dienstleistern mit entsprechender BaFin Zulassung verwahrbar. Institutionellen Anlegern eröffnet sich somit die Möglichkeit, von externen Kryptoverwahrern Depotauszüge zu ihren Tokenbeständen zu erhalten Auf diese Weise können sie in tokenisierte Vermögensanlagen investieren. Für Finanzvertriebe ebenso wie für Emittenten von Vermögensanlagen bedeutet dies gleichzeitig den Zugang zu institutionellen Anlegern. Die Tokenisierung führt hier daher zu einer echten Innovation und neuen Vertriebswegen.

Chancen im Vertrieb – Produktvielfalt für Anleger

Neue Technologien bedeuten nicht zwangsläufig das Ende traditioneller Dienstleister, sie verschieben lediglich den Fokus, vereinfachen Prozesse und schaffen Mehrwerte und Innovationen. Im Kern bleibt der Finanzmarkt jedoch der Finanzmarkt, auf dem kapitalsuchende Unternehmen um Investitionen von Anlegern werben. Dass die Investitionen künftig zunehmend digital erfolgen und die Tinte auf dem Papier ablösen, lässt das Bindeglied zwischen Angebot und Nachfrage – die Finanzvertriebsbranche – nicht obsolet werden.